Gewölbekeller, Konstanz. (12'59'')
3-teilige Beamer-Projektion, Ton, Kreide
Ausstellungsdauer: 10.12.-22.12.2009
Einführungsrede 09.12.09
„Die Leidenschaft der Angelika Beron“
von Dr. Walter Rügert
„Durch die Leidenschaften lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß“ sagte einmal der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort. Das ist, zugegebenermaßen, eine schöne Sentenz, der wir gedanklich sicher alle gerne folgen. Natürlich ist leben viel besser als bloß existieren. Das Zitat von Chamfort ist Bestandteil einer ganzen Reihe von ebenso interessanten wie aufschlussreichen Plädoyers für die Leidenschaft. Zum Beispiel George Bernard Shaw: "Wer ohne Leidenschaft lebt, lebt gar nicht. Wer seine Leidenschaft zügelt, lebt nur halb. Wer an seiner Leidenschaft scheitert, hat wenigstens gelebt." Sie merken, hier kommt noch eine ganz andere Tönung in das Lob der Leidenschaft herein: Leidenschaft bedeutet nicht nur leben, man kann an seiner Leidenschaft auch scheitern. Tatsächlich ist dieses Moment der Gefahr, das der Leidenschaft anhaftet etwas, was die Geschichte und Rezeption des Begriffs über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. In der Herkunft der Bedeutung von "Leidenschaft" aus dem altgriechischen "páthos" und dem lateinischen "passio" als "stark bewegter Gemütszustand", "heftige Zuneigung", liegt ein wesentlicher Akzent auf dem Erleiden der Seele - dem Erleben, durch die eigenen Affekte (Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Verliebtheit, Hass, Sehnsucht, Eifersucht usw.) gleichsam fremdbestimmt zu sein: ES tut etwas mit mir, ES packt, schüttelt, treibt mich, auch gegen die eigene Vernunft. Die antike Philosophie der Stoa sah in der Beherrschung der Leidenschaften sogar ein wichtiges Lebensziel.
Und heute? Wie ist es heute? Horchen wir doch einmal auf das Echo des world wide web, wenn wir es mit dem Begriff füttern:
Kochende Leidenschaft, Die Psychologie sexueller Leidenschaft; Landwirt aus Leidenschaft; Autos aus Leidenschaft; Rot-Weisse Leidenschaft Fortuna Düsseldorf Fanclub. Leidenschaft Garten; Laufen aus Leidenschaft ; Musik aus Leidenschaft.
Ist Leidenschaft also ein – wie man neudeutsch sagt – bloßes Marketing-Tool für den besseren Verkauf von Produkten? Ist sie beliebig geworden? Zum ersten kann man sagen: natürlich wird versucht, sie zu instrumentalisieren, zu vereinnahmen, zu verkaufen, zu vermarkten, zu verwerten – so, wie heute sämtliche Bereiche der Lebenswelt vom Geld sukzessive kolonialisiert zu werden drohen. Davor ist auch sie nicht befreit. Aber – und das ist ein einzigartiger Zug der Leidenschaft – in ihrem Kern gehorcht sie eben nicht den Gesetzen des Marktes, sie kann nicht beliebig gesteuert oder manipuliert werden. Leidenschaften sind emotionale Qualitäten von Handlungen und Tätigkeiten. Etwas leidenschaftlich tun heißt, mit Leib und Seele und vor allem: mit dem Herzen bei der Sache zu sein. "Leidenschaften sind Herzensanliegen“ (Rainer Paris: „Leidenschaft – eine Skizze“). Und das heißt: Leidenschaften können nicht gewollt werden, sondern sie bestimmen, was wir wollen. Die Werbung kann uns noch so viele Lustgewinne für dieses und jenes versprechen: eine Leidenschaft kann sie nicht entzünden.
Zum zweiten, zur Frage der Beliebigkeit der Leidenschaft, muss man schlichtweg sagen: ja, so ist es. Woran Leidenschaftlichkeit sich im Einzelnen festmacht und mit welchen Aktivitäten sie verschmilzt, ist sozial und individuell sehr verschieden, vielleicht sogar zufällig. Alles kann von ihr zum Objekt der Begierde erkoren werden, wie eben das Leben so spielt. Aber das ist nicht negativ, sondern Ausdruck einer gewonnenen persönlichen Freiheit, einer möglichen Subjektivität, die sich entfalten und eben viele Formen finden kann, sich leidenschaftlich zu äußern. So hat – im Gegensatz zu früher – der Begriff Leidenschaft im heutigen Alltagssprachgebrauch viel stärker eine positive Konnotation erhalten, wohingegen das „Leiden Schaffende“ eher eine untergeordnete Rolle spielt.
Die Leidenschaft der Angelika Beron besteht darin, Plätzchen zu backen und sie zu verschenken. Sie nimmt sich mehrere Tage Urlaub, um rund 25 Kilogramm verschiedenster Zutaten in Weihnachtsgebäck zu verwandeln: Mandeln und Nüsse, Schokolade und Marmelade, Zucker und Zimt, Eier und Mehl formen sich unter ihren Händen zu Zitronenherzen, Vanillekipferln, Pfaffenhütchen, Nougattalern, Linzer Kränzen, Spitzbuben, Zimtsternen und etlichem mehr – um schließlich verteilt zu werden an Freunde, Verwandte und Bekannte. „Die ganze Weihnachtsbäckerei“, sagt sie im Video, “ist sicherlich eine ganz große Leidenschaft von mir, neben ein paar anderen Hobbies. Das ist für mich eine wunderschöne Beschäftigung, wo ich fast von Anfang bis zum Schluss alles genieße.“ Und das tut sie seit über dreißig Jahren.
Folgt man den historischen Spuren ihrer Tätigkeit, führt dies weit ins Mittelalter zurück. Von dort entwickelte es sich als gesellschaftlich auferlegtes Muss, Armen zu helfen, indem man rund um Weihnachten und Neujahr Gebäck verteilte. Dieser Kontext hat sich heute natürlich fast vollständig aufgelöst: an die Stelle der Tradition tritt das Moment der individuellen Begeisterung für eine Sache, aus dem Verblassen eines allgemeinen und tradierten Wertehorizonts entwickelte sich die Möglichkeit einer – wie Angelika Beron sagt - „wunderschönen Beschäftigung“ – in welcher Intensität und Form auch immer.
Für Rebecca Koellner ist die Leidenschaft der Angelika Beron eine willkommene und dankbare Gelegenheit auf ihrem künstlerischen Weg, scheinbar alltägliche Dinge für uns neu zu entziffern. Plätzchen backen ist eben nicht nur Plätzchen backen, sondern mit einer Vergangenheit verbunden, die wir längst vergessen haben. Das ist die historische Seite. Plätzchen backen kann aber auch mit neuen Bedeutungen verbunden werden: was für den einen eine notwendige Mühsal vor dem Fest darstellt, kann für den anderen die reine Leidenschaft offenbaren. Rebecca Koellner zeigt in den Videos an etwas scheinbar Alltäglichem sehr anschaulich, was Leidenschaft bedeuten kann: Vitalität, Geschicklichkeit, auch Kraft, Energie, Kreativität. Angelika Beron ist sehr präzise und konzentriert, aber auch vollkommen sicher, jeder Griff sitzt und zeigt ihr Können. Dabei kommt die Form des Videos der künstlerischen Vermittlung des Themas sehr entgegen: anders als das fixierte Bild oder Foto, das bei aller Kunstfertigkeit doch immer statisch ist und bleibt, repräsentiert das Video eine Dynamik, die den vitalen Charakter leidenschaftlicher Äußerungen als Medium selbst auf das Beste aufnehmen und wiedergeben kann. Ergänzt wird es in der Installation durch ein weiteres Medium, die Kreide, mit der auf dem Boden Textsequenzen über die Leidenschaft der Angelika Beron festgehalten sind. Auch die Kreide verkörpert eine Dynamik, allerdings eine Dynamik des Verschwindens: je mehr Besucher den Ausstellungsraum besuchen und begehen, desto schneller verwischt die Schrift und löst sich auf, bis sie, Tage oder Wochen später, nur noch partikelweise nachweisbar ist. Leidenschaften können flüchtig und vergänglich sein. Und das ist auch gut so. Wer jemals in eine amour fou geraten ist, wird froh sein, das Ganze irgendwann einmal aus der verblassenden Distanz der Jahre erinnern zu können – auch wenn man die Erfahrung trotz aller Wunden und Schrammen allerdings auch nicht missen möchte.
Der Titel der Installation lässt zunächst an eine Dokumentation denken, denn hier ist nichts fiktiv oder verstellt. Auch der Ton, der die Videos begleitet, mag noch an eine Dokumentation erinnern. Die Videos selbst lösen jedoch dieses Format völlig auf. Gleich drei Leinwände umgeben den Besucher und ziehen auf ganz unterschiedliche Weise den Blick auf das Thema: eine gedehnte Passage über die Entstehung des Teiges, Sequenzen, die in Echtzeit das handwerkliche Geschick und Können zeigen, und dann wieder kurze, beinahe zerhackte Schnitte, die eine ganz eigene Ästhetik entwickeln und an Schneelandschaften, versprenkelte Blutstropfen oder Abstraktionen denken lassen.
Auch hier zeigt sich bei Rebecca Koellner wieder das Spiel mit den Bedeutungsebenen. Scheinbar mühelos – aber es steckt natürlich viel Arbeit dahinter - gelingt es ihr, uns auf eine spannende und oft verblüffende Entdeckungsreise zum scheinbar ganz Alltäglichen mitzunehmen. Ihr sorgfältig durchdachtes Konzept und ihre Souveränität in der Ausführung gewährleisten dabei eine sympathische Offenheit der Installation, gleichzeitig aber auch emotionale Impulse und Denkanstöße: wir sehen, wir hören, wir lachen, wir staunen, wir fragen. Und ganz nebenbei ermöglicht diese Entdeckungsreise zum scheinbar Alltäglichen übrigens auch, die Tür aufzustoßen zu einer interessanten kunsttheoretischen Expedition: Die Semiologie hat uns gelehrt, dass sich das Bezeichnende und das Bezeichnete, das Wort und der Gegenstand, voneinander gelöst haben und das Bezeichnende oft ein sehr eigenwilliges Eigenleben führt. Ich habe den Eindruck, es ist genau die Spannung aus dieser Differenz, die die Kunst von Rebecca Koellner in Bewegung bringt und in Bewegung hält. Sie fordert uns auf, vor den Dingen einen Schritt zurück zu treten und sie einmal mit ganz neuen Augen versuchen zu sehen. Das sind doch nur Weihnachtsplätzchen, oder? Das mag für den einen so sein. Für den anderen sind sie ein leidenschaftlicher Ausdruck der Welt.